ELISABETH TH. WINKLER


CHILDREN OF THE UNIVERSE - Einblicke in die Seele

Magnetisch ziehen die lebendigen Kinderaugen in die Bildwelten von Regina Altmann. Dieser erste Blickkontakt bildet den Anfang einer vielschichtigen Kommunikation.

 

In ihrem künstlerischen Œuvre widmet sich Regina Altmann dem Menschen, vor allem dem Portrait und seit einiger Zeit im Besonderen Kinderportraits. Sie sucht ihre Modelle gezielt aus und beginnt mit einem professionellen Fotoshooting. Dabei kommen verschiedenste gesammelte oder selbst hergestellte Artefakte wie Masken, Puppen oder Tonfiguren in Verwendung, die den Kindern als Attribute beigefügt und von ihnen in diversen Posen in den Händen gehalten werden. Es wird eine Szene arrangiert, vergleichbar einem tableau vivant. Ihr Hauptanliegen dabei ist jenen Moment einzufangen, wenn das Kind in sich selbst versunken, ganz bei sich selbst ist und mit seiner Seele in Kontakt steht. Einerseits wird dadurch die Persönlichkeit des Kindes gezeigt, andererseits das Zerbrechliche, das Unschuldige, das Kindhaft-Verletzliche und daher Schützenswerte, das jedem Menschen innewohnt.

 

Dies kommt vor allem in der Bilderserie Children of the Universe zum Tragen, die ab 2018 entstanden ist. Die Konzentration liegt hier im Ausdruck des Gesichts, das überlebensgroß die Komposition dominiert. Das Portrait wird jedoch nicht isoliert dargestellt sondern ist Teil eines komplexeren Gesamtbildes. Die Figuren werden von Grafiken und abstrakten Formen umgeben, die wie sichtbar gemachte Gedankensplitter aus dem Unterbewussten der Portraitierten auftauchen. Der Blick verliert den Fokus, kehrt in die Erinnerung zurück, die sich vor dem geistigen Auge vollzieht und auf den Malgrund rückprojiziert wird.

 

Den Auftakt zu dieser Serie bildet das Werk Luisa aus dem Jahre 2017. Das Mädchen hält die Hände zu beiden Seiten des Gesichts in die Höhe, die Handflächen sind geöffnet, der Blick nach unten gerichtet – es befindet sich im Tanz mit sich selbst und geht völlig in seiner eigenen Welt auf. Die Geste der nach oben gestreckten Hände impliziert auch ein Loslassen, eine Befreiung von möglichen Ängsten. Formal drückt sich dies im Skizzenhaften der Darstellung aus. Das Gesicht ist noch durchmodelliert, während die Hände, Haare und der Rest der Person nur mehr durch lockere Pinselstriche konturiert werden, sodass das Weiß der Grundierung noch durchscheint. Dadurch löst sich die Figur zum Teil auf, verschmilzt mit dem Hintergrund und wirkt lichtdurchströmt. Durch das Kompositionselement der Freilassung verschiedener Körperpartien wird die Handlung hervorgehoben und betont. Dieser mutige Schritt zum Unfertigen, etwas nicht abzuschließen und offen zu lassen, leitet einen wichtigen Wendepunkt in Regina Altmanns künstlerischer Entwicklung ein und wird zum Merkmal der Bilder Children of the Universe.

 

In diesem Zyklus wechselt sie von der Ölmalerei zu Acrylfarben und Mischtechniken, die ihr wegen der kürzeren Trocknungszeit ein spontaneres, dynamischeres Arbeiten ermöglichen. Durch die Einbindung verschiedener druckgrafischer Techniken, wie zum Beispiel Styrene- und Materialdruck, Linol- und Holzschnitt sowie Monotypien, findet sie im Experimentieren damit, unterstützt durch den prozesshaften Zufall, zu mehr Leichtigkeit. Als Bildträger verwendet sie großformatige Pappelsperrholzplatten, da der harte Malgrund ihren kraftvollen Duktus stärker aufnimmt, mehr Widerstand als Leinwand bietet und sich besser bedrucken lässt. Das große Format kommt ihrer Dynamik im Pinselstrich sowie ihren expressiven Linien entgegen. So kann sie ihrer malerischen Gestik freien Lauf lassen und die Präsenz der Figuren durch die überlebensgroßen Bildnisse steigern.

 

Erstmalig wendet Regina Altmann die Kombination aus Malerei und Druckgrafik im Gemälde Esther in Wonderland von 2018 an. Der Hase, um den das Mädchen schützend seinen Arm legt, sowie der Frosch neben ihrem Kopf, bringen als druckgrafische Elemente in ihrer feinen Struktur eine weitere, fast artifizielle Ebene ins Bild. Abstrakte Flächen im Hintergrund, in Blau und Gelb gehalten, umschweben die Figur wie Fraktale der Erinnerung. Mit diesem Werk beginnt sie das gemalte Kinderportrait in einen Bildraum aus verschiedenen Schichten und Ebenen zu integrieren, die ineinander übergreifen, in Beziehung miteinander treten und neue Geschichten eröffnen, wie sie es selbst beschreibt. Demzufolge ergibt sich eine vielschichtige Kommunikation mit den jeweiligen BetrachterInnen: Emotionen und Assoziationen werden geweckt, die andere Fragen aufwerfen und eine Auseinandersetzung mit den eigenen Lebensspuren anregen können, die möglicherweise bis hin zur Selbstreflexion reicht.

 

Regina Altmanns Werke entziehen sich einer eindeutigen Lesart und bleiben oft rätselhaft, irritierend und ambivalent. Sie sieht sehr genau hin und thematisiert auch Schmerzhaftes, Unangenehmes und Verdrängtes, dem sie Raum, Form und Farbe auf einer künstlerischen Ebene verleiht. Sie spricht von „Bildern, die in ihrer Seele wohnen, die das Unsichtbare sichtbar und das Unfassbare greifbar machen sollen“.

 

In der Bilderserie Kuscheltiere der Seele von 2014 - 2017 wird dies in einer bühnenhaften Inszenierung bedrohlicher, unheimlicher Szenen umgesetzt. Die ProtagonistInnen werden dramatisch beleuchtet und starke Hell-Dunkel-Kontraste prägen die Komposition. 

Im Gegensatz dazu liegt im Bilderzyklus Children of the Universe die Aufmerksamkeit auf dem einzelnen Kind und seiner Innenschau, wobei das Narrativ wesentlich indirekter, subtiler und vielfältiger ist. Es findet ein erlösender Transformationsprozess statt, indem die Attribute der Kinder nicht mehr bedrohlich wirken, sondern zu helfenden Verbündeten werden wie zum Beispiel Baby Yoda, der als Beschützer des jungen Lebens fungiert. Im Gemälde Relieved Heart schwebt das befreite Herz wie eine Sprechblase von dem staunenden Mädchen davon. Spontane grafische Elemente und skizzenhafte Figuren werden hinzugefügt, die eine leichtere Atmosphäre vermitteln und Auswege zeigen. Malerisch wird dies durch die hellen, luftigen Farben im Hintergrund unterstützt, die sich im lockeren Farbauftrag im Inkarnat der Gesichter wiederfinden und Lebendigkeit suggerieren. 

Einige Werke dieser Serie widmen sich dem Thema der Corona-Pandemie und spiegeln die Sehnsucht nach Normalität und sozialen Kontakten wider wie zum Beispiel Croco and the Bat. Die Ohnmacht der Isolation wird durch die nur schemenhaft angedeutete zweite Figur neben dem Jungen verbildlicht, die unerreichbar nur mehr als verblasste Erinnerung erscheint. Das Mädchen mit den Seifenblasen in Soapbubbles würde diese gerne in die Luft blasen, zögert aber, da der Atem mittlerweile gefährlich sein könnte und eine Bedrohung für das Leben anderer darstellt.

 

Das Gemälde Child of the Universe, das dem ganzen Bilderzyklus seinen Namen verleiht, spielt durch seinen Perspektivenwechsel eine zentrale Rolle. Es zeigt ein afrikanisches Mädchen, umgeben von verschiedenen Phasen und Formen der Entstehung von Leben wie einem überdimensionalen Embryo, auf den es fast skeptisch blickt.

Der ewige Kreislauf des Lebens - das Werden und Vergehen - in den alle Lebewesen eingebunden sind, ist ein wesentliches Thema, das immer wieder subtil in Regina Altmanns komplexe Bildwelten einfließt - sei es als Fossil, als Samenkorn oder Zelle.

Dieses Erkennen der Eingebundenheit des Individuums in einen größeren Zusammenhang der gesamten Existenz führt aus der Isolation und dem eigenen Drama, ist sinnstiftend, gibt Hoffnung und eröffnet neue Dimensionen.